Wann ist ein Berg ein Berg?

Seit 2003 nimmt das Gymnasium Wilhelmsdorf in Baden-Württemberg, eine Schule im Hinterland des Bodensees, am Internationalen Preisträgerprogramm (IPP) teil. Bereits der Beginn war aufregend. Anfang Juni, also nur fünf Wochen vor Anreise der Preisträger, rief mich der PAD an: Ob ich mir vorstellen könnte, für eine andere Schule einzuspringen. Ich sagte zu und so blieb mir nicht viel Zeit, Gastfamilien zu organisieren, ein Programm zusammenzustellen und Lehrer für den PAD-Unterricht zu finden. Es wurde eine Punktlandung!
Seit dieser Zeit nimmt unsere Schule jeden Sommer ausländische Preisträgerinnen und Preisträger auf und für zwei Wochen weht der Hauch der großen, weiten Welt über unserer Schule. Wo sonst als durch den PAD lernen deutsche Schüler so einfach ausländische Jugendliche gleichen Alters kennen, die sie sonst niemals getroffen hätten? Zwischen den PAD-Gästen und den deutschen Gastgebern entstehen tiefe Freundschaften, die oft lange halten. Einmal gar eine Beziehung – beide studierten nach ihrer Schulzeit zusammen in München. Auch das „A“ in PAD kommt nicht zu kurz. Das IPP ist ein Austausch-Programm. Auch wenn keine organisierten Gegenbesuche der deutschen Gastgeber vorgesehen sind, so erleben die Teilnehmer doch einen intensiven kulturellen Austausch, der ihnen andere Lebensweisen, Sprachen, Religionen und Schulsysteme näherbringt und sie selbst über ihre eigene Lebenswelt, Kultur und ihr Heimatland nachdenken lässt.
Was aber motiviert mich als betreuenden Lehrer jedes Jahr, diese zwei – zugegebenermaßen recht stressigen – Wochen anzugehen? Es sind vor allem die persönlichen Begegnungen, die ich als echte Bereicherung empfinde. Die Gäste heißen nicht umsonst Preisträger und werden diesem Anspruch meist auch voll gerecht. Es ist einfach großartig, mit ihnen über Themen wie den deutschen Bildungsföderalismus (der sie meist verwirrt) oder die oft fehlende Internet-Netzabdeckung bei uns auf dem Land zu diskutieren. Hätten Sie gewusst, was südkoreanische PAD-Gäste über ihren Schultag erzählen? Sie sind von 8:00 Uhr bis 22:00 Uhr an der Schule, um danach noch Hausaufgaben zu machen. Deutsche Schüler, die das mitbekommen, sehen ihren Nachmittagsunterricht mit anderen Augen… Solche Situationen zeigen, dass auch die deutschen Schüler vom IPP profitieren.
Man erlebt viel Lustiges und Überraschendes. Vor dem Ausflug auf den Pfänder, den Hausberg des Bodensees, fragte ich ab, wer schon jemals eine Bergwanderung gemacht hätte. Alle versicherten mir, dass sie Berg-Erfahrung hätten. Doch bereits nach ca. 30 Höhenmetern waren die niederländischen Preisträger sehr überrascht, dass wir jetzt noch weitere 600 Höhenmeter bezwingen sollten! Sie erzählten mir, dass sie nur auf einem niederländischen Berg waren. „Und wie hoch ist der?“, fragte ich. „ Genau 27 Meter“, sagten sie. Alle meisterten den Pfänder schließlich und waren sichtlich stolz.

Ich freue mich schon jetzt darauf, auch diesen Sommer wieder eine PAD-Preisträgergruppe betreuen zu dürfen. Und natürlich geht es auch wieder auf den Pfänder!
Michael Pflumm
Örtlicher Betreuer am Gymnasium Wilhelmsdorf, Baden-Württemberg

Ein Gedanke zu “Wann ist ein Berg ein Berg?

  1. Ein sehr schöner Bericht mit tollen Einblicken zum „Sinn“ einer solchen Begegnung. Die Gäste lernen eben nicht nur Deutschland kennen; auch die Gastgeber lernen etwas über die Welt und über sich selber. Christoph Chapman, PAD

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